Hallo Regina und Solveig
DANKE daß Ihr Euch für uns Scheuermänner und Scheuerfrauen interessiert.
Wir Scheuermann-Patienten sind und waren immer die "Stiefkinder" der Physiotherapie.
Es ist niederschmetternd, wie erbärmlich wenig Ärzte, auch Fachärzte für Orthopädie und Pysiotherapeuten über M.Scheuermann wissen.
Selbst in Bad Sobernheim oder Bad Salzungen ausgebildete Schroth-Therapeuten haben erschreckend wenig Ahnung und kaum Erfahrung mit den sagittalen Indikationen, (Hyper-Kyphosen und Hyper-Lordosen) oder gar mit dem selteneren lumbalen Scheuermann-Typ II , weil die kurze Ausbildungszeit kaum reicht um die Skoliosen in all ihren Variationen ausreichend zu behandeln.
Immer wieder behaupten Ärzte und auch Physiotherapeuten , daß Schroth nur für die Behandlung von Skoliosen geignet sei. Erst kürzlich wieder eine Orthopädin "Expertin" im AOK-Forum.
Frau Lehnert-Schroth selbst hat mir versichert, daß schon ihre Mutter fast von Anfang an die Methode auch sehr erfolgreich bei Rundrücken und Scheuermann angewendet hat und die Methode SCHROTH immer auch für sagittale Indikationen unabhängig von der Ursache der Kyphose/Lordose geeigenet ist.
Regina und Solveig hat geschrieben:Liebe Forumsmitglieder und Gäste,
wir sind zwei Physiotherapieschülerinnen und brauchen eure Hilfe. Wir schreiben eine Facharbeit über die Behandlung des Morbus Scheuermann und brauchen Erfahrungsberichte, ob sich durch Physiotherapie eine Verbesserung einstellt.
Ich bin 51 Jahre alt, habe seit Pubertät einen starken Hohlrundrücken. Scheuermann wurde erst mit 17 im Röntgenbild diagnostiziert. Betroffen ist bei mit die BWS mit einem Kyphosescheitel bei Th 5. Letzte Messungen Dr. Hoffmann und BaSa bei 68° Cobb Kyphosewinkel.
Im Röbi die typischen Scheuermanzeichen: Zerfurchte Wirbelkörperdeckplatten, Schmorlsche Knoten, Keilwirbel und in der BWS kaum noch Wirbelkörperdistanz mit fast "scheuernden" Berührungen der ventralen WK-Kanten.
Typische Symptome beim adulten Scheuermann (Krankenkassendeutsch: Zustand NACH Scheuermann) Blockaden, Intercostalneuralgien, unklare Brustraumschmerzen, "pseudokardiale Schmerzen" Verspannungen, teilweise starke stechende Schmerzen zwischen den Schulterblättern auf Höhe des Kyphosescheitels, Nach SCHOBER/OTT-Messung war ich fixiert.
Lumbal starkes Hohlkreuz und als Folge der Hyperlordose Morbus Baastrup ebenfalls mit starken Schmerzen.
Zeitweise hoher Konsum von Diclophenac und Ibuprophen um überhaupt arbeitsfähig zu bleiben.
Ich habe ca. 18 Jahre lang, vom 34. bis zum 48. Lebenjahr folgende Sportarten und Physiotherapien versucht:
Schwimmen (tut gut, aber nur in Thermalbädern)
Laufen, joggen, (Katastrophe! extreme Schmerzverstärkung!)
Radfahren: Nur in sehr aufrechter Position mit rel. hohem Lenker. Rennradposition oder Versuch mit Liegerad (extrem kyphoisierend): Katastrophe!
Skilanglaufen: Gut, mit Einschränkungen.
Kanuwandern: Im Kajak Katastrophe, im Canadier sehr gut.
Allgemeine Rückengymnastik des örtlichen Sportvereins mit ausgebildeter Gymnastiklehrerin: Teilweise gut, manche Übunggen extrem schmerzverstärkend, einige Übungen und Bewegungsabläufe unmöglich.
Dazwischen auch Versuche mit Yoga-Kurs, Feldenkrais und "5 Tibeter"
Sportstudio Krafttraining, gezieltes Rückentraining, Einweisung durch Physiotherapeuten: Zuerst nur möglich mit Boston-Overlap-Korsett. Manche Übungen und Geräte unmöglich, da extrem schmerzverstärkend, Einweisung war aus meiner heutigen Sicht nicht befundspezifisch und teilweise unqualifiziert. Ich habe selbst schnell gemerkt, was mir guttut und was mir schadet.
Alles was drückt, belastet und staucht schadet.
Alles was streckt, dehnt, zieht und entlastet tut gut.
Dann bei MEDOBS in Wangen
http://www.medobs.de/frames.html
ein spezifisches Rücken-Trainingsprogramm der AOK Allgäu/Oberschwaben ein Jahr lang mitgemacht. Auch hier wieder sehr differenzierte Ergebnisse. Zum teil keine gute Einweisung, kein gezieltes Eingehen auf den befund hochthoraklaler Scheuermann. Im Prinzip haben alle Patienten nahezu das gleiche Standart- Übungsprogramm erhalten, ganz egal ob es sich um einen BSV, Ischias, Hexenschuss, oder sonstige Rückenschmerzen gehandelt hatte. Etwas war aber besser: es wurde dort erstmal verstärkt auf die Bauchmuskulatur eingegangen. Andererseits waren auch Übungen dabei, die eindeutig Kyphose und damit auch die Schmerzen verstärkten.
Ichhatte in diesem Jahr das eindeutige gefühl, daß meine Krümmung weitzer zunahm und die Schmerzen weiter eskalierten. Daher gab ich dort auf. Ich machte auch einen kurzen Versuch bei KIESER in Friedrichshafen, aber das war noch schlechter als MEDOBS, aber viel teurer. Nur das mit dem festgeschnallten Becken habe ich seit KIESER beibehalten.
Dann habe ich KG in Einzeltherapie bei meiner damaligen und wirklich sehr engagierten Physioterapeutin und zu Hause gemacht.
Es war eine Mischung aus BOBATH, BRÜGGER, KLAPP (kriechen)
MT (vorher heiße Rolle, Massagen, DORN usw....)
Es war komisch.
Es hat mir teilweise sehr gut getan, war oft kurzfristig sehr schmerzbefreiend und ich freute mich jedesmal auf die knappe halbe Stunde 2 mal die Woche.
Die Physiotherapeutin gab sich mit mir allergrößte Mühe und behandelte mich erstklassig. Ich war auch fleißig, machte brav zu Hause meine Home-Übungen täglich, ging auch noch ins Sportstudio und trainierte dort, was mir gut tat.
ABER: Ich hatte keinen nachhaltigen Effekt. Im Gegenteil, ich fühlte mich immer buckliger. Die Schmerzen wurden immer noch mehr statt weniger.
Vieles was wir machten hatte das klare Ziel der MOBILISIERUNG.
Immer ging es nur um die BEWEGLICHKEIT der Wirbelsäule und um Kräftigung der Bewegungsmuskulatur.
Regina und Solveig hat geschrieben: Ist es bei jemandem vielleicht sogar zur Verschlechterung gekommen nach physiotherapeutischer Behandlung?
Ja. ich kann klar sagen, daß es bei mir und meiner Frau (auch Kyphose ca. 65° aber ohne jedes Scheuermann-Symptom im RöBi) bei der oben beschriebenen Behandlung weder zu einer Verringerung der Schmerzen noch zu einer Verbesserung des Kyphose-Lordose-Winkels.
IM GEGENTEIL, alles hatte immer weiter in die "Verschlimmbesserung" hineingeführt.
Regina und Solveig hat geschrieben: Welche physiotherapeutischen Methoden sind empfehlenswert, welche weniger?
Die absolute Wende kam eigentlich erst über DIESES Forum!
Keiner der 9 Orthopäden, bei denen ich vorher in Behandlung war hatte mir SCHROTH empfohlen oder verschrieben oder auch nur erwähnt.
Meine Physiotherapeutin kannte zwar Schroth und Bad Sobernheim, hatte damals sogar einen 3-Tage-Schnupperkurs als Vorbereitung/Information zur Schroth-Therapeutin gemacht, hatte aber offensichtlich nicht die geringste Ahnung wie man Schroth-Übungen für Kyphosen-Lordosen aufbaut und einübt.
Ich ging durch die Empfehlung dieses Forums zu Dr. Hoffmann, der mir und meiner Frau sofort Korsette verschrieb und eine Reha in Bad Salzungen unterstützte/beantragte.
Das war die Wende!
Die Physiotherapeutin war zuerst total gegen das Korsett und versuchte mich wieder davon abzubringen. Sie ist die Frau meines früheren und vorletzten Orthopäden und "drohte" mir sogar mit ihrem Mann, der auch ganz gegen die Korsett-Therapie eingestellt war.
Standardspruch: Das bringt nix mehr bei Erwachsenen.
Doch als ich das Korsett hatte und ich weiter zu ihr ging zur KG, da war sie verblüfft und fasziniert, in welch kurzer Zeit sich meine Haltung und mein Rücken veränderte und aufrichtete.
Ich hatte nach 4 Wochen Korsett viel mehr erreicht als ein ganzes Jahr Arbeit bei ihr zuvor. Nun waren reklinierende und aufrichtende Übungen (immer noch kein Schroth!) möglich, bei denen ich vorher nur schmerzverzerrt aufgeschrien habe.
Sie änderte ihre Meinung und Haltung zur Korsett-Therapie völlig und unterstützte mich nun im Korsett-Tragen und übte mit mir z.B. Bewegungsabläufe im Alltag MIT KORSETT. Über meine Erfolge als "fixierter Erwachsener" war sie verblüfft und begeistert!
Das ging noch ca. 2 Monate so und dann kam die REHA in Bad Salzungen.
Ich und meine Frau hatten mit Schroth ein AHA-Erlebnis nach dem Anderen. Die REHA wurde ein voller Erfolg!
Nach der 4-Wochen-Reha hatte ich in der optischen 3-D Vermessung 10° weniger Kyphosewinkel und 10° weniger Lordose.
Das Korsett hing lasch und schlapp an meinem Körper, ich spürte keinen Kyphosepelotten- oder Reklinationspelottendruck mehr und Rahmouni musste das Korsett völlig umbauen, enger machen und massiv verschärfen, daß ich damit eine weitere Korrekturphase erreichen konnte.
Erfolg beflügelt!
Wir lernten sooooo viel, nicht nur Schroth und Atemlenkung, was am Allerwichtigsten war, sondern auch richtiges und befundspezifisches Trainieren mit Sequenzgeräten und hilfreiche Selbstentschmerzungstechniken aus dem Bereich der Kinesiologie (z.B. Anwendung der "Kastanienschlange" usw.....)
Nun wurde mir erstmal völlig klar, was ich und alle meine bisherigen Sportlehrer, Gymnastiklehrer, Krankengymnasten, Physioherapeuten und auch Ärzte bisher FALSCH oder unzureichend gemacht haben.
Ich wurde total wütend bei dem Gedanken, wieviel Jahre und wieviel Schmerzen ich mich sooooo lange umsonst und teilweise mit Verschlechterung geplagt habe und wieviel Geld meine Krankenkasse und ich sinnlos für teilweise schmerzverstärkende Maßnahmen hinausgeworfen haben!
Nur beim Schrothen ging man gezielt und direkt auf die Form und fehlstatik der Wirbelsäule ein.
Systematisch und Schritt für Schritt wurde die für MICH optimale Haltung anhand von vielen verschiedenen Übungen entwickelt und die Korrekturen von der Fußstellung über die Beckenkorrekturen, über die gezielte bewusste Brustkorbformung durch Raffen und Atmung bis zur Kopfhaltung aufgebaut und "einprogrammiert", geübt bis zum Muskelzittern. Erstmalig gelang es mir z.B. die LWS-Lordose UND die BWS-Kyphose gleichzeitig auszugleichen und aus eigener Kraft aufzurichten und das kurz selbst (ohne Korsett!) zu halten.
Das war mir mit KEINER anderen physiotherapeutischen Methode vorher jemals gelungen!
Die Schroth-Reha und das Korsett sind das ALLERBESTE, was mir in meiner ganzen "Scheuermann-Karriere" wiederfahren ist.
Daher engagiere ich mich auch so dafür, daß Andere Mitpatienten nicht auch jahrelang auf Irrwegen und Abstellgleisen verkümmern und verkrümmen.
Meine Grunderfahrung war, daß die meisten angeblichen Fachleute die MOBILITÄT wie eine "heilige Kuh" behandeln und nur der sportliche, super bewegliche und leistungsfähige Patient der Idealpatient ist. Alle waren der völlig falschen Meinung, im Korsett verkommt und verkümmert die Muskulatur und damit auch die ganze Wirbelsäule. Das ist eine völlig falsche Irrmeinung!
Die isometrischen Übungen die NICHT zu mehr Beweglichkeit sondern zu mehr Stabilität, zum längeren Halten der Aufrichtung, zur Entlordoisierung (Schrothsche Beckenkorrekturen) und zur Reklination der BWS-Kyphose führen wurden immer unterschätzt und vernachlässigt.
Stabilität wurden der Mobilität und Flexibilität geopfert.
Es wurde immer nur die Bewegungsmuskulatur trainiert und nie gezielt die autochtone Muskulatur.
Hätte ich so weitergemacht wie die allermeisten Scheuermann-ahnungslosen PT´und KG´s mich behandelt hätten, so hätte ich irgendwann ausgesehen wie ein "buckliger Schwarzenegger" hätte eine sportliche Figur und Power wie ein Bodybuilder, wäre aber mit meiner Wirbelsäule in einem Meer von Schmerz und Tränen versunken!
Das kanns und darfs doch nicht sein!
Das ist fast schon ein Zeitgeist-Phänomen, das sich auch in die Physiotherapie hineinzieht.
Wenn man aber mal neutral betrachtet, was die chirurgische Orthopädie bei Wirbelsäulenproblemen zu bieten hat, ist es genau so.
Bei Fuß-, Knie-, Hüfte-, Schulterproblemen zielt die chirurgische Orthopädie z.B. durch Einbau von Endoprothesen (künstl.Gelenke) nur noch auf die Wiederherstellung der Beweglichkeit ab. Das gelingt der chir. Orthopädie auch sehr gut.
Bei Wirbelsäulen-OP´s ist es genau umgekehrt.
Da hat die chirurgische Orthopädie noch nichts anderes anzubieten als die Spondylodese= Versteifung. Es werden bewegliche Strukturen der Wirbelsäule (Bandscheiben) bewusst zerstört und durch Knochenmasse und Titankörbchen ersetzt.
Man fixiert mit primärstabilen Implantaten und stabilisiert die Wirbelsäulen.
Dort hat man seltsamerweise überhaupt nicht das Ziel der Wiederherstellung der Beweglichkeit sondern das Ziel der ultimativen Stabilisierung, sowohl bei Skoliosen als auch bei Kyphosen und Hyperlordosen.
Da sollte man mal drüber nachdenken, auch IHR angehenden Physiotherapeuten!
Regina und Solveig hat geschrieben:
Für zahlreiche Antworten sind wir euch sehr dankbar.
Gruß,
Regina und Solveig
Da bin ich jetzt auch gespannt und freue mich über weitere erfahrungen und eine konstruktive Diskussion!
Gruß Toni