Neue Operationsmethode mit Klammern
Verfasst: Sa, 18.12.2004 - 12:15
Im Ressort Wissen des Hamburger Abendblatts befindet sich heute ein Artikel über eine neue Skoliose-Operationsmethode:
Die rettenden Klammern
Skoliose: Diese Erkrankung der Wirbelsäule ist europaweit erstmals mit einer neuen OP- Methode behandelt worden - im Kinderkrankenhaus Altona
Von Christoph Rind
Jan (9) hat die etwa vierstündige Operation im Altonaer Kinderkrankenhaus gut überstanden. Zehn Tage sind seitdem vergangen. Jetzt läuft er wieder herum - ohne Korsett. Das Korsett hat der Hamburger Junge bisher tragen müssen, und zwar rund um die Uhr. Denn Jan leidet an Skoliose, einer Erkrankung, bei der sich durch eine seitliche Verschiebung der Wirbelsäule das Rückgrat verkrümmt. Das Korsett ist er wohl für immer los - dank einer Operation, die Privatdozent Dr. Ralf Stücker (48), Orthopädie-Chef im Altonaer Kinderkrankenhaus, durchgeführt hat - europaweit zum ersten Mal.
Die neue Operationsmethode lernte Dr. Stücker am Shriner's Hospital in Philadelphia in den USA. Das Prinzip wurde bereits vor 50 Jahren erdacht, als Wachstumslenkung bei O- und X-Beinen: Ein Teil der deformierten Knochen wird so stabilisiert, daß der übrige Teil "gerade auswächst" und den Schaden behebt.
Bei der Skoliose, unter der auch Jan leidet, funktioniert das Verfahren so: Kleine Klammern aus Metall fixieren einen Teil der gekrümmten Wirbelsäule und sorgen dafür, daß die deformierten Wirbelknochen im weiteren Wachstum "gerichtet" werden. Bei früheren Operationen gab es allerdings ein Problem: "Die U-förmigen Klammern fielen oft heraus", sagt Stücker. Der "Durchbruch" sei erst durch neuartige Metallklammern ("Staples") gekommen, sogenannte SMA (Shape Memory Alloy), die er jetzt auch im Altonaer Kinderkrankenhaus einsetzte. Diese Klammern bestehen aus einer speziellen Titan-Nickel-Legierung. Sie sind wie Krallen geformt und stabilisieren die Wirbelzwischenräume, ohne die Wirbel selbst zu versteifen. Doch der eigentliche Erfolg liegt an ihrer außergewöhnlichen Eigenschaft: Auf Eis gekühlt sind die Klammern modellierbar und werden in U-Form in die Wirbelsäule eingesetzt. Erst durch die Körpertemperatur erwärmen sie sich und "krallen". Der entstehende Druck hält die Klammern in Position. Sie fallen nicht mehr heraus.
"Mit Hilfe dieser neuen Operationsmethode kann nicht nur ein Fortschreiten der Skoliose ohne Wirbelsäulen-Versteifung gestoppt werden. Vielmehr kann der Grad der Krümmung korrigiert werden, weil das Wachstum durch die Klammern nicht behindert wird", sagt Stücker.
In Deutschland sind Schätzungen zufolge 400 000 Menschen an Skoliose erkrankt. Meist tritt die Erkrankung zwischen dem elften und 13. Lebensjahr auf, in Einzelfällen wie bei Jan auch vor dem zehnten Lebensjahr. Mädchen sind sechsmal häufiger betroffen als Jungen.
Bislang müssen die Erkrankten ein Korsett tragen, um weitere Verformungen zu verhindern. In vielen Fällen ist jedoch im weiteren Verlauf der Erkrankung eine korrigierende Operation der Wirbelsäule erforderlich. Diese Eingriffe gelten als sehr belastend und führen zu einer Versteifung der betroffenen Abschnitte der Wirbelsäule, deshalb kann man sie erst im fortgeschrittenen Alter vornehmen.
"Auch bei dem neunjährigen Jan kam aus diesem Grund eine Versteifung der Wirbelkörper noch nicht in Frage. Eine Behandlung mit einem Korsett hätte bei Jan das Fortschreiten der Deformierung der Wirbelsäule auch nicht aufhalten können, so daß eine Versteifung der Wirbelsäule zu einem späteren Zeitpunkt unabdingbar gewesen wäre", erläutert Andreas Eckmann, leitender Arzt der City BKK, bei der Jan krankenversichert ist.
Das neue Verfahren kann bei Patienten ab einem Alter von acht Jahren bis zu etwa einem Jahr vor dem Auswachsen praktiziert werden. Dabei bleiben Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Wirbelsäule erhalten.
Die jetzt in Altona verwendeten Metallklammern können zudem minimal invasiv eingesetzt werden - mit kleinen Schnitten. Das bedeutet: geringe Belastung und eine schnelle Genesung nach dem Eingriff. Stücker: "Ich bin zuversichtlich, daß diese neue Operationsmethode zu einer wesentlichen Verbesserung der Prognose dieser Erkrankung führt und freue mich, daß wir jetzt auch in Deutschland diese erfolgversprechende Methode anbieten können." Damit sieht er zudem die "überregional führende Position des Altonaer Kinderkrankenhauses auf dem Gebiet der Korrektur von Wirbelsäulendeformitäten im Kindes- und Jugendalter bestätigt".
Ein Problem ist derzeit noch die Bezahlung. Die patentierten Klammern kosten rund 1000 Euro pro Stück. Neun wurden bei Jan implantiert. Im Katalog der Fallpauschalen, nach denen viele Operationen bereits bezahlt werden, ist die neue Operationsmethode noch gar nicht aufgeführt.
Jans Krankenversicherung, die City BKK, übernahm dennoch die Kosten von etwa 28 000 Euro. "Wir haben im Interesse des Jungen eine besondere Regelung getroffen", sagt Michael Junker, Leiter der Krankenhausabteilung der City BKK, weil dieses neue Verfahren nicht nach den bisherigen Abrechnungsformen vergütbar gewesen sei. Für die Kasse rechne sich das dennoch. Denn sie spart die Kosten für das Korsett, das bei den Heranwachsenden jährlich erneuert werden muß. Und eine Operation nach der Wachstumsphase fällt sonst ebenfalls mit hohen Kosten an.
erschienen am 18. Dezember 2004 in Wissen