10 Jahre nach Behandlungsbeginn nun doch Operation

Fragen zum Thema Wirbelsäulen OP's
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robinho
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10 Jahre nach Behandlungsbeginn nun doch Operation

Beitrag von robinho » Mo, 16.03.2020 - 21:57

Hallo,

vor ziemlich genau zehn Jahren, damals war ich 20 Jahre alt, habe ich mich hier angemeldet. Nach der Diagnose "34°Thorakalskoliose mit 27° lumbalen Gegenschwung" durchlief ich quasi alle konservativen Therapien: 5 Wochen Schroth-Reha in Bad Salzungen mit anschließender ambulanter Fortsetzung, Rahmouni Korsett, CCtec Korsett. Darüber hinaus probierte ich einige "exotische" Therapien, etwa die "geistige Aufrichtung nach Pjotre Elkunoviz" und "Functional Patterns".
Fast jede Therapie brachte kurzweilige Erfolge, jedoch hielten diese nie lange an. Insbesondere beim Tragen des Korsetts bemerkte ich mit der Zeit eine Art Korsett-Abhängigkeit, was sicherlich nicht Ziel der Therapie sein sollte.
Die Schmerzen nahmen also mit den Jahren zu und die Krümmung landete immer wieder auf dem Ausgangslevel. Aus meiner Sicht kann man als Erwachsener keine Verbesserungen im Sinne einer Begradigung mit konservativen Therapien erzielen. Ist einfach zwecklos.

Parallel zu den Therapien machte ich zudem zwischen 6 und 7 mal die Woche vergleichsweise ambitioniert Sport. Immer Laufen/Schwimmen im Wechsel mit Krafttraining. Ich fühlte mich grundsätzlich besser bzw. schmerzfreier, nachdem ich Sport gemacht hatte. Außerdem erlangte ich dadurch für Hobby Sportler eine sehr gute Fitness.

Doch ich war einfach nicht zufrieden: Die schiefe Wirbelsäule störte mich und außerdem war ich überzeugt, dass die Krümmung mit dem Alter zunehmen wird.

Schließlich wurden im November 2019 neue Röntgenbilder angefertigt, bei denen ich mich zum ersten Mal locker hinstellte, und nicht möglichst aufrecht wie bei der 34° Diagnose. Man hat die neu entstandenen Bilder mit 45° thorakal vermessen. Ich stellte mich in den Wirbelsäulenzentren Augsburg und Wiesbaden vor und entschied mich für Wiesbaden.

Die OP fand Anfang März statt. Es wurde von Th4 bis Th12 versteift und auf 7° und 9° korrigiert. Die Rotationskomponente konnte ebenfalls sehr gut korrigiert werden, sodass ich zum ersten Mal in meinem Leben ein halbwegs symmetrisches Skelett habe. Ferner wurde sehr sorgsam auf mein sagittales Profil geachtet, wodurch ich von einem Fast-Flachrücken nun auf einen Kyphosewinkel von 25° komme.

Ich habe die OP super gut verkraftet. Die Schmerzen waren insbesondere durch die PDK stets auszuhalten. Bereits am ersten Tag post OP lief ich mit Gehwagen gute 100 m über den Flur. Ab Tag 2 lief ich grundsätzlich ohne Gehhilfe. Treppen waren von Anfang an kein Problem. Sehr erfreut bemerkte ich, dass ich quasi keine Bewegungseinschränkungen habe aufgrund der nicht operierten Lendenwirbelsäule: Ich kann mich jetzt schon fast so weit drehen und bücken wie vor der OP. Ich blieb insgesamt 8 Tage im Krankenhaus, da ich so lange brauchte, bis ich ohne PDK und nur oralen Schmerzmitteln klarkam. Ich fuhr die 3,5 Stunden Zug allein nach Hause.

Bald bin ich bei 2 Wochen post OP und es wird von Tag zu Tag besser. Natürlich fühlt sich der Rücken noch sehr fremd an, haben sich doch die Muskeln über viele Jahre an das schiefe Skelett gewöhnt. Auch habe ich immer noch einige Schmerzspitzen über den Tag verteilt-vor allem in der Nacht. Es ist aber insgesamt sehr gut auszuhalten und ich bereue die Entscheidung keineswegs. Eher, dass ich so lange damit gewartet habe.
Ich plane, bereits 18 Tage post OP wieder auf Arbeit (Bürojob) zu gehen.


Wenn jemand Fragen hat, kann er oder sie mich gerne kontaktieren.

robinho
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Re: 10 Jahre nach Behandlungsbeginn nun doch Operation

Beitrag von robinho » Do, 30.04.2020 - 13:06

Kurzes Update:
Ich bin tatsächlich wieder nach knapp 3 Wochen auf Arbeit gegangen und es ging wirklich gut. Ich bin jetzt mittlerweile bei knapp 8 Wochen post OP und Sitzen fühlt sich auch über viele Stunden hinweg absolut normal an. Ebenso fahre ich wieder Fahrrad und merke wirklich keinen Unterschied zu vorher. Genausowenig sind stundenlange Spaziergänge, Liegestütze und andere Übungen mit dem eigenen Körpergewicht ein Problem. Auch die Narbe verheilt sehr gut.
Das einzige, was mir noch zu schaffen macht, ist Liegen ab ca. 5 Stunden. Dann tut mir der Rücken weh, so dass ich in der Nacht aufwache und erst einmal einige Minuten sitzen oder stehen muss, bis es wieder geht. Manchmal nehme ich dann noch eine Tablette (50 mg Tapentadol), ansonsten nehme ich aber schon seit 2 Wochen gar keine Schmerzmittel mehr. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass dieser Liegeschmerz irgendwann aufhören wird.

Insgesamt habe ich es mir wirklich viel schlimmer vorgestellt.
Zuletzt geändert von robinho am Do, 30.04.2020 - 15:02, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: 10 Jahre nach Behandlungsbeginn nun doch Operation

Beitrag von Lady S » Do, 30.04.2020 - 14:41

Super, dass es für Dich so gut gelaufen ist!
Bei Dir wurde ja ausschliesslich die BWS versteift, was bei Erwachsenen wohl selten der Fall ist. Fällt Dir da eine Einschränkung der Beweglichkeit gegenüber früher auf?
Grüsse, Lady S

robinho
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Re: 10 Jahre nach Behandlungsbeginn nun doch Operation

Beitrag von robinho » Do, 30.04.2020 - 15:11

Hi!

Du hast völlig recht: Es ist ein enormer Vorteil, wenn nur die BWS versteift wird. Man hatte in den Bending Aufnahmen gesehen, dass ich die LWS allein mit Muskelkraft absolut gerade kriege (oder sogar überkorrigieren kann) und dort nichts rotiert ist. Es ist/war eine rein kompensatorische Krümmung.
Dafür war die BWS umso fixierter (ich bin ja mittlerweile auch immerhin schon 30): Statt den 3 geplanten Stunden hatte meine OP 5 gedauert, weil sie so viel zusätzliche Arbeit beim Aufbrechen/Mobiliseren hatten (es wurden an einigen Wirbeln auf der konvexen Seite kleine v-förmige Knochenstücke abgetrennt). Ich hatte ja auch sowohl ein Rahmouni- als auch Cctec-Korsett: In beiden kam ich nie unter 20°, obwohl das schon fast 10 Jahre her ist!

Ich merke kaum bis keine Einschränkungen hinsichtlich der Beweglichkeit. Nach 4 Wochen haben ich mal meinen Finger-Boden-Abstand überprüft und kam auf ca. 15 cm. Vor der OP hatte ich ca. 10 cm (ich war schon immer ein ziemlich schlecht beweglicher Mensch). Auch Drehen und Seitneigen geht rein subjektiv wie vorher.
Die Rippen und auch die Muskeln im Lendenbereich fühlen sich allerdings immer noch etwas steif an. Aber kein Wunder: Trotz der rein kompensatorischen Krümmung hatte ich einen ziemlichen Lendenwulst, der direkt nach der OP zu 95 % weg war. Somit wurden da in kürzester Zeit Muskeln und andere Weichteile enorm umpositioniert. Klar, dass die noch einige Zeit irritiert sind.

Demnächste werde ich mal ein paar Bilder hochladen.

SkoRaSch97
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Re: 10 Jahre nach Behandlungsbeginn nun doch Operation

Beitrag von SkoRaSch97 » Do, 18.06.2020 - 11:25

Hallo Robinho,

da ich selbst auch kurz vor einer möglichen OP stehe, frage ich mich wie es dir momentan geht.
Hättest du Lust ein kurzes Update diesbezüglich zu geben?
Auch würde mich interessieren wer dich operiert hat.
In Wiesbaden habe ich demnächst auch ein Gespräch.

Lieben Gruß
SkoRaSch

robinho
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Re: 10 Jahre nach Behandlungsbeginn nun doch Operation

Beitrag von robinho » Mo, 29.06.2020 - 02:54

Hallo,

ich bin mittlerweile bei Woche 16 post OP und mir geht es weiterhin sehr gut.

Seit Woche sechs post OP trainiere ich täglich zwischen 30 und 60 Minuten, und zwar immer eine Einheit Krafttraining im Wechsel mit einer Einheit Ausdauertraining. Was das Krafttraining angeht mache ich schon ziemlich viel: Bankdrücken, Klimmzüge, Rudern, Armübungen, Übungen am Seilzug... Eigentlich alles, bei dem keine vertikalen Lasten von >10 kg zu bewältigen sind. Damit werde ich erst ab Monat sechs post OP beginnen.

Was das Ausdauertraining angeht, habe ich zunächst mit dem Radergometer begonnen. Das ist eine super schonende Variante. Mein Chirurg hatte mir jedoch ab Woche zehn erlaubt zu joggen. Das hat sich zu Beginn sehr seltsam angefühlt, etwa als wäre ich enorm im Hohlkreuz. Generell ist es so, dass mein Rumpf noch enorm viel arbeiten muss, aber es wird besser: Inzwischen bin ich schon wieder in der Lage 10 km in ca. 45 Minuten zu laufen.

Die Fotos zeigen meinen aktuellen Zustand. Es ist leider so, dass ich trotz der recht geringen Krümmung von 45° eine deutliche Rippendeformität ausgebildet hatte, die auch nach der OP natürlich nicht weg ist. Man wird also immer eine gewisse Asymmetrie erkennen. Im Vergleich zum Zustand vor der OP liegen jedoch Welten.

Jedenfalls kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass man nicht ein Jahr lang körperlich völlig degeniert. Ich habe mir die OP einschließlich der Folgen deutlich schlimmer und langwieriger vorgestellt aufgrund der vielen negativen (und leider häufig unqualifizierten) Äußerungen im Forum.
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