Bei der Kyphose-Orthese nach Zielke-Nusser-Gschwendt (TüKO) handelt es sich um ein Korsett, mit dem nach dem 4-Punkte-Prinzip (ausschließlich) Hyperkyphosen und Hyperlordosen korrigiert werden können. Einziger Hersteller ist das Sanitätshaus Nusser + Schaal in Tübingen. Zuständiger Orthopädietechniker ist Herr Schneider.
Im Folgenden vergleiche ich die TüKO mit den Rahmouni- (Chêneau-) Korsetten, die ich zuvor hatte (für Patienten gedacht, die vor der entsprechenden Entscheidung stehen).
Herstellung und Anpassung:
Bei Nusser + Schaal werden längst nicht so viele Korsette gefertigt wie bei Rahmouni, und Herr Schneider ist nicht jeden Tag vor Ort. Man wartet deshalb länger auf einen Besprechungs- und Gipstermin. Für Aufklärung und Eingipsen nimmt sich Herr Schneider jedoch sehr viel Zeit. Er ist Schwabe und hat eine ganz andere Persönlichkeit als Rahmouni, ist deutlich distanzierter, jedoch höflich und stellt zahlreiche Fragen.
Wer bei der AOK versichert ist, sei hiermit vorgewarnt: Die AOK Tübingen ist nicht so großzügig wie die AOK Stuttgart, weshalb sich die Genehmigung hinziehen kann, mit weiteren Nachfragen oder auch einer Ablehnung zu rechnen ist. Nachfragen kommen laut Herrn Schneider fast immer vor, und manchmal wird das Korsett erst nach Widerpruch genehmigt. Die Kosten belaufen sich auf ca. 2500 Euro, d.h. ungefähr genauso viel wie ein Chêneau-Korsett.
Hat man dann die Genehmigung, kann es deutlich länger als bei Rahmouni dauern, bis man zur Anprobe kommen kann. Für diese sollte man mindestens einen Tag einplanen. Es ist nicht wie bei Rahmouni möglich, das Korsett morgens anzuprobieren, danach für ein paar Stunden in die Stadt zu gehen und danach dann gleich mit dem fertigen Korsett nach Hause zu gehen – sondern man probiert es an, es wird provisorisch zusammengebaut, wieder anprobiert, wieder geändert usw. Man kann auch eine Pause machen, in der man es anläßt und damit in die Stadt geht, um dort z.B. etwas zu essen. Dann kommt man zurück, läßt es wieder ändern, und danach wird es fest zusammengebaut.
Nach ca. 4 Wochen soll man sich dann zur ersten Kontrolle einfinden, wobei die meisten laut Herrn Schneider schon deutlich vorher, häufig innerhalb der nächsten Tage, wiederkommen und etwas geändert haben wollen.
Material und Bauprinzip:
Ein Chêneau-Korsett besteht aus einem Stück Kunststoff, das mittels Hitze verformt werden kann. Große Anpassungen sind hierdurch jedoch nicht möglich, sodaß bei deutlicher Gewichtszunahme oder Veränderung der Körperformen meist eine Neuanfertigung erfolgen muß. Die TüKO hingegen ist aus Einzelteilen aufgebaut, die aus Edelstahl und Plexiglas bestehen und mittels Schrauben und Nieten miteinander verbunden sind. Diese können bei Bedarf entfernt, die Einzelteile neu ausgerichtet und wieder (z.B. über neu gebohrte Löcher in den Plexiglasteilen) miteinander verschraubt bzw. vernietet werden. Das Plexiglas kann außerdem ein wenig durch Hitze verformt und der Edelstahl nach Bedarf gebogen werden. Der Orthopädietechniker gab an, bei einem Erwachsenen nach 5 Jahren eine Neuversorgung vorgenommen zu haben (zum Vergleich: mein erstes Rahmouni-Korsett wurde nur 1 Jahr alt, die anderen beiden jeweils 2 Jahre, d.h. ich hatte in 5 Jahren drei verschiedene Korsette). Außerdem muß eine TüKO nicht so häufig repariert bzw. nachgerüstet werden wie ein Chêneau-Korsett, weil sich keine angeklebten Leder-, Schaumstoffteile oder Pelotten lösen oder fleckig werden können. Die TüKO hat keine solchen Teile.
Jemand, der häufig hinfällt oder bei dem das Korsett Schläge abbekommen könnte, sollte lieber ein Chêneau-Korsett tragen. Im Gegensatz zu dem weißen Kunststoff, der für Chêneau-Korsette verwendet wird, kann Plexiglas nämlich brechen und auch splittern. Ein Vorteil der TüKO gegenüber einem Chêneau-Korsett hingegen ist die Unempfindlichkeit gegenüber Wasser und Seife: Man kann sie sogar zum Schwimmen tragen.
Der Verschluß ist beim Chêneau-Korsett vorn und besteht aus Schnallen sowie Klettverschluß und (bei Rahmouni) meist noch ein oder zwei Ratschenverschlüssen. Sind keine Ratschenverschlüsse vorhanden, braucht man etwas Kraft. Man wählen, ob man es maximal eng oder etwas weiter haben möchte. Dies ist bei der TüKO nicht der Fall: Mit den seitlichen Hebelverschlüssen (beim Einrasten in die Einkerbung im Metallbügel hört man ein einzelnes Klicken) ist nur eine Einstellung möglich. Das ist jedoch kein Problem, denn sie muß und darf nicht so eng anliegen wie ein Chêneau-Korsett. Allerdings erfordert das selbständige Verschließen einer TüKO eine gewisse Beweglichkeit nach der Seite hin und Geschicklichkeit. Anfangs hat laut Orthopädietechniker so gut wie jeder Probleme damit, nach ca. einer Woche wird es langsam zur Selbstverständlichkeit.
Früher einmal gab es auch eine TüKO-Variante, die fest am Körper verschraubt wurde, und zwar zur Sicherung des Behandlungserfolgs bei Kindern und Jugendlichen. Diese wird inzwischen nicht mehr angeboten.
Korrekturprinzip:
Bei einem Rahmouni-Kyphose-Korsett wird mit den Reklinationsstützen Druck auf die Gruben unterhalb der Schlüsselbeine ausgeübt. Bei der TüKO geschieht dies durch eine von links nach rechts durchgehene Plexiglasplatte. Ein Nachteil dessen ist, daß der Druck weniger stark und weniger gezielt ausgeübt werden kann, ein Vorteil die größere Beweglichkeit der Schultern und Arme.
Sowohl Chêneau-Kyphose-Korsett als auch TüKO drücken auf den Kyphosescheitel. Beim Chêneau-Korsett kann dieser Druck großflächiger sein, was ein Vor- oder ein Nachteil sein kann (je nachdem, was man besser verträgt). Korsette von Rahmouni üben außerdem einen Druck auf die unteren Rippen sowie – zur Korrektur der Hyperlordose – auf die Beckenkämme aus und sind stark tailliert. All dies ist bei der TüKO nicht der Fall; hier wird ausschließlich mit Druck auf den Bauch (durch die Bauchpresse) gearbeitet. Bei vorstehendem Brustkorb ist deshalb ein Chêneau-Korsett besser geeignet.
Die Plexiglasplatte hinten am Becken ist mit dem entsprechenden Teil eines Rahmouni-Korsetts vergleichbar, außer daß sich dort kein Schaumstoff befindet.
Zusammengefaßt kann man sagen, daß bei einer TüKO nur dort Plexiglas ist, wo auch Druck ausgeübt wird.
Wer an die drückenden, gleichzeitig jedoch etwas weichen und nachgiebigen Pelotten gewöhnt ist, findet die TüKO anfangs sehr gewöhnungsbedürftig. Mit ihr können keine so hohen Korrekturdrücke aufgebaut werden wie mit einem Rahmouni-Korsett. Wer sich noch nicht ausreichend selber korrigieren kann (d.h. wer nicht zumindest für kurze Zeit außerhalb des Korsetts die angestrebte Haltung einnehmen kann), ist deshalb mit einem Chêneau-Korsett besser beraten. Wer während des Gipsens hingegen ideal korrigiert ist, kommt in der TüKO auf Normalwerte; eine Überkorrektur wie beim Rahmouni-Korsett ist nicht möglich.
Alltagstauglichkeit und Tragekomfort:
Eine TüKO wiegt im Durchschnitt deutlich mehr als ein Chêneau-Korsett. Befindet sie sich jedoch am Körper, merkt man das kaum.
Wer vorher ein Rahmouni-Korsett oder ein anderes gutes Chêneau-Korsett getragen hat, muß sich daran gewöhnen, daß die TüKO beim Sitzen hochrutscht. Dies ermöglicht ein angenehmeres Sitzen (kein Keilkissen o.Ä. erforderlich, es kann sogar mit aufgestellten Knien, auf dem Sofa oder auf dem Boden gesessen werden), ohne daß die Korrekturwirkung vermindert wird.
Während man unter ein Chêneau-Korsett möglichst nichts anziehen sollte, das Falten bilden kann, und sich somit meist zum Kauf der teuren Korsetthemden genötigt sieht, sind diese bei der TüKO nicht erforderlich, weil sie nicht so eng sitzt. Aus diesem Grund kann man sie auch über der Hose tragen (dann ist die Korrektur der Hyperlordose stärker). Auf der Toilette genügt es dann, allein den unteren Verschluß zu öffnen, sofern man eine Hose mit Gummizug trägt, die nicht extra zugemacht werden muß und die unter der Bauchplatte hochgezogen werden kann.
In der Bauchplatte befinden sich kleine Löcher zur Lüftung, in den anderen Plexiglasplatten nicht. Dies ist jedoch auch nicht nötig, denn in der TüKO schwitzt man wegen des viel geringeren Anteils an bedeckter Körperoberfläche weit weniger als in einem Chêneau-Korsett (selbst wenn dieses mit weniger Material auskommt als eines von Rahmouni). Auch die Brustatmung ist in der TüKO längst nicht so stark eingeschränkt, sodaß man damit ohne größere Probleme joggen kann. (Die Bauchatmung hingegen ist in beiden Korsettypen deutlich eingeschränkt.)
Die Intensität des Abdominaldrucks hängt davon ab, wie ausgeprägt die Hyperlordose ist: Bei eher geringer Hyperlordose ist der Druck nur leicht und stört nicht beim Essen. Man merkt in der TüKO zudem nicht jede kleine Gewichtszunahme oder -abnahme. Angenehm ist auch der im Gegensatz zum Chêneau-Korsett nicht vorhandene Druck auf untere Rippen, Taille, Beckenkämme und (beim Sitzen) Schambein sowie Oberschenkel.
In der TüKO kann man sich mehr hängenlassen als in einem Chêneau-Korsett. Nach einer Weile wird dies jedoch – insbesondere durch den Druck der harten Brustspange – unangenehm, sodaß man automatisch eine aufrechtere Haltung einnimmt. Während jedoch im Chêneau-Korsett der vom Korsett umschlossene Teil der WS weitgehend fixiert ist, erlaubt die TüKO leichte Drehungen nach den Seiten, sodaß kein Gefühl von Steifigkeit und kein rotoberhaftes Gangbild entstehen. Bei Schäden an der WS (Bandscheibenschäden, Gleitwirbel) könnte diese Art der Beweglichkeit einen Nachteil darstellen.
Beide Korsettypen (TüKO und modernes Rahmouni-Korsett) können gleich gut unter der Kleidung verborgen werden.
Insgesamt fällt es bei der TüKO leichter, sie über längere Zeit (z.B. einen halben Tag) anzubehalten und seine typischen Alltagstätigkeiten darin zu verrichten. Deutliche Einschränkungen erlebt man nur beim Vorbeugen sowie beim Bücken – und wenn man z.B. unter einen Tisch kriechen muß.
Hier ein paar Fotos davon (zum Vergrößern anklicken):

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