Hallo,
ich möchte an dieser Stelle meine Erlebnisse mit Dr. Hoffmann, Rahmouni und meiner Krankenkasse wegen der Schroth-Reha und meinem Korsett schildern. Ich habe – gerade auch in diesem Forum – die Erfahrung gemacht, dass die Erlebnisse von anderen Menschen mit vergleichbaren Problemen einen motivieren können, etwas anzupacken, was man schon zu lange hat schleifen lassen, oder dabei helfen können, seinen eigenen Weg zu finden…
Kurz ein paar Daten zu meiner Person:
männlich,
27 Jahre alt,
Scheuermann, Kyphose im Bereich der BWS mit 55 °
Skoliose etwa 15 °
Beschwerden: Nacken- und Kopfschmerzen, Schmerzen im Bereich HWS, BWS und der Schulterblätter
Teil 1: Die Vorgeschichte
In meiner frühen Jugend hat mein Orthopäde meinen Rundrücken bemängelt und mir KG verordnet. Das hat mir gar keinen Spaß gemacht, die Krankengymnastin hat sich über meine sportlichen Fähigkeiten lustig gemacht. Irgendwie ist das im Sande verlaufen, ich war damals froh darüber (heute könnte ich mir in den Hintern treten).
Anfang 2000 war ich wegen nem Verkehrsunfall bei meinem Orthopäden, der hat so nebenbei was von Skoliose und Scheuermann erzählt, ich hatte keine Ahnung was er damit meinte, dachte das wäre irgendwas belangloses.
Anfang 2004, kurz vor meinem Examen, mitten in der heißen Phase der Vorbereitung nach über zwölf Monaten mit 15, 16 Stunden täglich am Schreibtisch, kamen die Nackenschmerzen, dazu leichte Rückenschmerzen. Mein Orthopäde spritzte ordentlich, erzählte wieder was von Kyphoskoliose und Scheuermann und deutete an, ich solle mehr Sport machen. Das zog sich so hin, alle paar Wochen mal Spritzen, dazwischen immer wieder Phasen, in denen es in Ordnung war.
Anfang 2005 bekam ich nach längeren Spaziergängen Schmerzen im Bereich BWS und HWS, die in den Kopf zogen und zu starken Kopfschmerzen führten. Im weiteren Verlauf wurde es immer schlimmer, irgendwann kamen die Schmerzen bereits nach zehn Minuten laufen, oder wenn ich – auch nur kurz – stand. Am schlimmsten war es bei der typischen Shopping-Geschwindigkeit. Ein paar Minuten und es wurde unerträglich. Da ich keinerlei Schmerzmittel vertrage blieb nur Wärme als Hilfe, feuchtwarme Umschläge etc. Und natürlich Spritzen. Ein bis zweimal die Woche, wurde etwas besser, dann wieder schlechter, dann wieder Spritzen, so versuchte ich mich ins Wochenende zu retten, um mich dann zwei Tage in meiner Wohnung zu verstecken. Ich begann alles zu vermeiden, was irgendwie Schmerzen verursachen kann: Einkaufen, Spaziergänge sowieso, Autofahrten, Cafes mit eher schlechten Sitzgelegenheiten. Irgendwann habe ich die Vermeidungshaltung soweit gehabt, dass ich eigentlich gar nicht mehr gelebt hatte. Bei all den Schmerzen in Rücken und Kopf habe ich mich öfter gefragt, ob der Tod nicht doch erträglicher sein könnte, als dieses Leben. Meine Freundin hatte zwar viel Verständnis, aber damit war sie völlig überfordert, soviel Passivität und Verzweiflung hält wahrscheinlich niemand längere Zeit aus.
Mein Orthopäde verschrieb mir allgemeine KG, KG mit Geräten, Massagen, mehr könne man aber nicht mehr machen. Außer natürlich Spritzen, immer wieder und wieder.
Irgendwann habe ich es selbst nicht mehr ausgehalten, musste was tun, also ging ich im September 2005 zu einem Neurologen, weil ich dachte, Schmerzen und Neurologen hätten irgendeine Verbindung. Ich glaube, ich habe mich geirrt. Dieser Mensch war der Ansicht, meine Schmerzen kämen nicht vom Rücken, sondern vom Kopf. Ein bissl Rundrücken mache doch keine ernstzunehmenden Schmerzen, untersuchen wollte er mich auch nicht, nur etwas reden. Er empfahl mir eine Kur, aber eine, in der geredet wird, Sport sei zweitrangig bei mir.
Also setzte ich mich an den Rechner und fing an zu recherchieren. Das war eine ziemlich gute Idee, denn ich bin auf dieses Forum gestoßen, und auf Schroth-Reha. Also habe ich nen Bad Sobernheim-Flyer ausgedruckt, dem Neurologen vorbeigebracht und ihm gesagt, ich will ne Reha in Sobi. Er hat sich gewehrt, aber sich dann bereit erklärt, den Antrag zu unterstützen, um mir zu beweisen, dass das nichts bringt, ein weiteres mal solle ich ihm aber damit nicht kommen. Ich hatte die Sache aber nicht zu Ende gedacht, mittlerweile kann ich mir vorstellen, was der Typ in das Formular eingetragen hat. Dazu später mehr…
Teil 2: Die Fahrt nach Stuttgart
Irgendwann im Dezember, völlig verzweifelt vor lauter Schmerzen, erinnerte ich mich wieder an dieses Forum, schaute vorbei, und recherchierte wegen meiner Skoliose, denn ich dachte, diese wäre der Grund für meine Schmerzen. Da stieß ich auf den Bericht von Wirbelwind „450 Kilometer die sich lohnten“ viewtopic.php?t=4731 (an dieser Stelle vielen Dank, das hat mich sehr motiviert!!!). Also beschloss ich, bei Dr. Hoffmann anzurufen, um mich zu erkundigen, wie lange man auf einen Termin warten muss. Ehe ich mich versah hatte ich einen Termin, noch vor Weihnachten. Also organisierte ich ein Zimmer in Leonberg, um mir bei der Gelegenheit Stuttgart anzuschauen.
Dann fuhr ich mit meiner Freundin kurz vor Weihnachten nach Leonberg. Das Wartezimmer war gut gefüllt, die Stimmung gut, die Mitarbeiterinnen alle richtig nett. Nach etwa einer Stunde wurde ich aufgerufen. Dr. Hoffmann hörte aufmerksam zu (hatte mir einen Spickzettel gemacht, kann ich nur empfehlen!), stellte seinerseits Fragen untersuchte mich, machte Röntgenaufnahme und Videorasterstereographie. Er konnte kaum glauben, dass ich seit 2000 nicht mehr geröntgt wurde, und er sah keinen Sinn darin, dass mich mein Orthopäde ständig gespritzt hat, das ändere doch nichts an der Ursache. Er gab mir eine genaue Diagnose, die mich überraschte, und endlich wusste ich, wogegen ich zu kämpfen habe. Zunächst wollte er aber noch ein MRT, um einen Bandscheibenvorfall auszuschließen, das gehe aber nur in Stuttgart. Seine Mitarbeiterinnen waren inzwischen in der Pause. Also griff er selbst zum Hörer und rief einen Radiologen nach dem anderen in Stuttgart an, bis er einen fand, zu dem ich gleich hin konnte. Ich habe ja ne Menge Ärzte erlebt, aber dieser Einsatz hat mich begeistert!
Am späten Nachmittag kam ich dann wieder. Da ein Bandscheibenvorfall ausgeschlossen werden konnte empfahl er mir Schroth und drückte mir ein Rezept für ein Rahmouni-Korsett in die Hand.
Am nächsten Morgen war ich dann unten bei Rahmouni (er kam extra aus der Skoliose-Sprechstunde runter, weil ich meinen Zug schaffen musste). Er erklärte mir wie es weiter geht und schickte einen Kostenvoranschlag an die Krankenkasse.
Ich fuhr nach Hause, immer noch mit Schmerzen, aber motiviert, mit Perspektive und Mut. Endlich hatte ich das Gefühl, dass ich nicht verloren bin, es doch noch Hoffnung gibt.
Teil 3: Die Krankenkasse
So weit, so gut, jetzt musste nur noch die Kasse mitspielen und bezahlen.
Mitte Januar erkundigte ich mich in Stuttgart nach dem Stand der Dinge und erfuhr, dass die Krankenkasse mehrfach Informationen wegen des Korsetts nachgefordert habe.
Ende Januar rief mich eine Mitarbeiterin meiner Krankenkasse an und sagte, eine stationäre REHA käme nicht in Betracht, weil noch nicht alle ambulanten Maßnahmen ausgeschöpft seien. So der medizinische Dienst der Krankenkasse. Der wer? Woher kennen die mich? Ja klar, aus der Akte... Auf meine Frage, warum der Gutachter des MDK mich nicht persönlich untersucht hat wurde mir gesagt, der mache das – wenn überhaupt – erst im Rahmen des Widerspruchsverfahrens. Toll. Nett, diese Kasse. Erst mal ablehnen. Vielleicht gibt der Versicherte ja auf. Wenn nicht, dann kann man ihn sich ja immer noch anschauen.
Autsch. Ein Dämpfer. Aber wohl meine Schuld. Warum habe ich diesen Neurologen auch diesen Antrag stellen lassen. Aber egal, weiter geht’s, Widerspruch formuliert und abgeschickt.
Ende Februar rief wieder jemand von der KK an und sagte, Korsett ginge in Ordnung, aber kein korrigierendes, dafür sei ich zu alt, sondern nur ein stabilisierendes, und das koste höchstens 1800 €. Aha. Daher weht der Wind. Sie wollen handeln. Ich könne natürlich aus eigener Tasche draufzahlen. Aber das bringe eh nichts. Schon klar, ich bin zu alt. Viel wichtiger sei regelmäßige KG, eventuell ne Reha. Klar, Reha. REHA!?! Wie Reha, die wurde doch eben erst abgelehnt?!? Von wem, fragte die Dame. NA VON IHNEN!!! Das könne nicht sein. Also las ich ihr den Brief vor. Siehe da, es gab zwei verschiedene Sachbearbeiter. Und zwei verschiedene Gutachter beim MDK. Sehr sinnvoll. Zweite Meinung auf bürokratisch.
Sie versprach mir, die Stellungnahme des einen MDK-Gutachters an den anderen MDK-Gutachter zu faxen. Klar, kurze Wege und so. Das kann der MDK nicht alleine.
Anfang März kam die Einladung für die Begutachtung beim MDK. Sehr schön. Morgens um 8 Uhr. Weniger schön, aber gut, dafür lohnt es sich ja früh aufzustehen. Wie Unrecht ich hatte. Das ist nichts anderes als ne Behörde, etwa auf dem Stand der 60er. Ambiente wie im Gesundheitsamt. Leeres Wartezimmer, aber über ne Stunde warten, bis die Ärztin mit leerer Kaffeetasse mich abholte. Kein Name an der Zimmertür, sie verriet ihn mir auch nicht. Immer schön anonym bleiben, bloß nicht angreifbar machen. Erste Frage: Warum gehen Sie soviel zu Ärzten? Und langt Ihnen ein Orthopäde nicht? Hä? Was soll das denn? Also fing ich an, ihr meine Geschichte zu erzählen. Nach zweieinhalb Sätzen unterbrach sie mich mit der Aufforderung, ich solle meinen Ärmel hochschieben. Wieso? Aha, Blutdruckmessen, „damit wir mal einen Ausgangswert haben…“ ????
OK. Auf meine Frage hin forderte sie mich auf, mal mein Hemd auszuziehen. Sie schaute ne Minute auf meinen Rücken. Dann durfte ich mich wieder anziehen und mich auf die Liege setzen. Damit sie meine Kniereflexe testen kann. Zwei Hammerschläge später war die „Begutachtung“ abgeschlossen. Ich wollte aber noch etwas reden, also fing ich an ihr etwas von meinen Beschwerden zu erzählen. Solange, bis sie aufstand, zur Zimmertür ging, diese öffnete und mich anschaute. Das wertete ich als Zeichen, dass ich hier wohl fertig bin, und ging. Als ich nach Hause kam, fing ich gedanklich an, die Klage für das Sozialgericht vorzubereiten. Und wieder irrte ich mich.
Mitte März klingelte mein Telefon, die Dame von der KK: Herzlichen Glückwunsch, Sie dürfen zur Reha nach Bad Sobernheim. WOW! Cool! Ich glaubs nicht!!!
In dem Brief von der KK heißt es dann: „ Die Gesundheit unserer Versicherten ist unser Ziel. Wir freuen uns daher, die beantragte stationäre Maßnahme […] zur Verfügung stellen zu können.“ Hat irgendwie einen komischen Beigeschmack…
Teil 4: Gipsen bei Rahmouni
Jetzt aber schnell mit dem Korsett, dachte ich mir, damit das vor der Reha im Mai noch klappt. Also war ich Anfang der Woche bei Rahmouni zum Gipsen. Der Tipp im Forum mit der zweiten Unterhose war übrigens sehr hilfreich!
Fühlte sich komisch an, als der Gips fest wurde und das Atmen schwerer fiel. Die Atmosphäre dort war sehr entspannt und professionell, man merkt, dass hier Leute am Werk sind, die ihr Handwerk verstehen. Das tut zur Abwechslung mal gut und lässt hoffen.
Teil 5: Fazit
Letztlich also grundsätzlich ein Happy-End soweit, auch wenn ich für das Korsett einen Teil draufzahlen muss. Aber es hat sich mal wieder gezeigt: In diesem System muss man sich selbst um seine Interessen kümmern. Man bekommt nichts in die Hand gedrückt, man muss um alles kämpfen. Aber wenn man kämpft, dann kommt man auch vorwärts und kann was erreichen!
Ich kann jedem nur raten, sich in professionelle Hände zu begeben, den Weg nach Stuttgart anzutreten und sich gegen jede negative Entscheidung der KK mit Widerspruch und Klage zu wehren. Im Forum finden sich an vielen Stellen Hinweise zur Formulierung und die Fristen ergeben sich meist aus den Rechtsbehelfsbelehrungen der ablehnenden Bescheide.
Ich hatte darüber hinaus noch das riesige Glück, dass meine Freundin mich immer wieder unterstützt, motiviert und - wenn es sein musste - mir auch mal in den Hintern getreten hat! Dafür, und dass sie mich im Dezember nach Stuttgart begleitet hat, möchte ich mich bei ihr bedanken!
Ich habe heute zwar immer noch oft Schmerzen. Aber immerhin habe ich jetzt wieder eine Perspektive und glaube wieder daran, dass die Zukunft gut wird!
P.S: Suche in einem anderen Thread übrigens noch Korsettträger im Rhein-Main-Gebiet, könnt ja mal reinschauen: viewtopic.php?t=5486
Erfahrungen mit Dr. Hoffmann/Rahmouni/Ärger mit Krankenkasse
- Klaus
- Moderator/in

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- Registriert: Mi, 23.06.2004 - 18:36
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Genauso ist das!!Off78 hat geschrieben:In diesem System muss man sich selbst um seine Interessen kümmern. Man bekommt nichts in die Hand gedrückt, man muss um alles kämpfen. Aber wenn man kämpft, dann kommt man auch vorwärts und kann was erreichen!
Ein wirklich prima Erfahrungsbericht, der zeigt, dass es noch viel zu tun gibt.
Gruss
Klaus
- Thomas
- Tech-Admin

- Beiträge: 3578
- Registriert: So, 19.02.2006 - 10:23
- Geschlecht: männlich
- Diagnose: Kyphose anfangs 59 Grad, inzwischen nur noch 49 Grad, Neuroforamen-Stenose (Einengung der Nervenwurzeln) in der HWS.
- Therapie: Rahmouni-Korsett seit Februar 2006, zeitweise mit Halsteil, Schroth-Reha Juni / Juli 2010
- Wohnort: Nähe Stuttgart
Hallo off78,
Deine Geschichte ist schon irgendwie typisch, wenn auch bei mir die Erfahrungen mit der Kasse etwas positiver waren.
Auf jeden Fall herzlich willkommen im Kreis der erwachsenen Korsett-Träger und -Trägerinnen! Das Gipsen hast Du ja schon hinter Dir, dann kann es mit dem Korsett nicht mehr so lange gehen!
Viele Grüße
Thomas
Deine Geschichte ist schon irgendwie typisch, wenn auch bei mir die Erfahrungen mit der Kasse etwas positiver waren.
Auf jeden Fall herzlich willkommen im Kreis der erwachsenen Korsett-Träger und -Trägerinnen! Das Gipsen hast Du ja schon hinter Dir, dann kann es mit dem Korsett nicht mehr so lange gehen!
Viele Grüße
Thomas


