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Angststörungen durch Korsett?
Verfasst: Sa, 19.06.2010 - 22:10
von knie
Hallo,
mein 14jähriger Sohn hat seit 3 Monaten ein Cheneau-Korsett, was er bis auf kurze Eingewöhnungsschwierigkeiten inzwischen ohne Meckern 23 Stunden am Tag trägt. Ehrlich gesagt hatte ich mit Problemen gerechnet, aber er sagt, dass es ihn gar nicht stört. Seit ein paar Wochen hat er massive Angststörungen, vorallem vor Menschengruppen. Er sagt, dass das nichts mit dem Korsett zu tun hat, man hat mir aber gesagt, dass das unbewusst sein kann, da er ein sehr Vernünftiger ist, der einfach weiß, dass es nicht ohne Korsett geht. Hat jemand von euch auch diese Probleme oder schon mal davon gehört?
Gruß, Kati
Re: Angststörungen durch Korsett?
Verfasst: Sa, 19.06.2010 - 22:45
von BZebra
Hallo Kati,
knie hat geschrieben:Seit ein paar Wochen hat er massive Angststörungen, vorallem vor Menschengruppen. Er sagt, dass das nichts mit dem Korsett zu tun hat
Vielleicht ist er sich ja über den Grund seiner Ängste bewusst, möchte es dir aber nicht sagen, und kann deshalb ausschließen, dass es nichts mit dem Korsett zu tun hat. Wäre das vielleicht möglich?
Oder hat er gesagt, dass er keine Erklärung dafür hat?
Verfasst: Sa, 19.06.2010 - 22:48
von knie
Er sagt, dass er keine Erklärung dafür hat. Aber da ich daran glaube, dass unser Unterbewusstsein stark ist, kann ich mir vorstellen, dass er sich einer möglichen Problematik durch das Korsett nicht bewusst ist und sich dies eben durch solche Ängste zeigt. Kann ja sein, dass hier schon mal jemand von dieser Problematik gehört hat.. kann aber auch sein, dass das alles nichts mit dem Korsett zu tun hat.
Verfasst: Sa, 19.06.2010 - 23:50
von BZebra
knie hat geschrieben:Aber da ich daran glaube, dass unser Unterbewusstsein stark ist, kann ich mir vorstellen, dass er sich einer möglichen Problematik durch das Korsett nicht bewusst ist und sich dies eben durch solche Ängste zeigt.
Darauf würde ich mich nicht unbedingt versteifen, sondern auch in Erwägung ziehen, dass, wenn er selbst keine Erklärung dafür hat, durchaus auch alles mögliche andere der Grund sein kann.
Wikipedia sagt allerdings Folgendes zu Phobien und speziell zu dieser Phobie:
Die Angst vor Menschenmengen heißt
Ochlophobie.
Bei der Ochlophobie - von griech.: ochlos (Menschenmenge) und phobos (Furcht, Angst) - bzw. Enochlophobie - griech. en-, (innerhalb) - oder Demophobie - griech.: demos (Volk) - handelt es sich um eine phobische Störung, die sich als irrational erlebte Angst vor Menschenmassen und überfüllten Plätzen äußert. Es ist genau genommen die Angst, eingequetscht oder zertrampelt zu werden.
Und unter
Phobische Störungen - Ursachen steht Folgendes:
Spezifische Phobien gelten innerhalb der psychoanalytischen Theorie immer als Verschiebung von Angst auf einen Gegenstand oder eine Situation. Die Verschiebung gehört innerhalb der psychoanalytischen Theorie zu den Abwehrmechanismen. Eine Angst vor einer bestimmten Vorstellung wird verdrängt und tritt dann in veränderter Form, also beispielsweise als Angst vor Spinnen oder eben Dunkelheit und Gewitter, wie es sich im Falle einer phobischen Störung im Kindesalter verhält, auf.
Die verdrängten Ängste und Konflikte können ganz unterschiedlicher Art sein. Auch Trennung, Eifersucht und dergleichen können hier angstauslösend wirken. Wichtig hierbei ist, dass die Verschiebung der Angst vor einer bestimmten Vorstellung beim Kind auf eine äußere Situation oder ein Objekt zwei wichtige Funktionen hat. Ein äußeres Objekt oder eine Situation kann aktiv gemieden werden, im Gegensatz zu einer (ängstigenden) Vorstellung, die zwangsweise auftreten kann; zweitens kann dadurch eine Beziehung konfliktfrei gehalten werden, da die Angst ja auf ein anderes Objekt oder eine andere Situation verschoben wurde. Ein einfaches Beispiel wäre hier, dass ein Kind nicht Angst vor Trennung von der Mutter, sondern vor dem Alleinsein im Dunkeln bekommt. Mit Angst wird eine andere Angst abgewehrt.
Demnach wäre es also schon möglich, dass er seine Angst vor dem "eingequetscht werden im Korsett", die er nicht haben darf, weil er es tragen will und muss, dorthin "verschoben" hat. Es wäre sicherlich ein sinnvoller Abwehrmechanismus. Besser Angst vor Menschenmengen, als - je nach dem wie sehr er von Progredienz bedroht ist - sein Korsett nicht tragen können.
Ich kenne eine Mitpatientin, die wegen solch einer Phobie gegan das eingeengt sein im Korsett, es so selten hat tragen können, dass sich ihre Skoliose bis auf 70, 80 Grad verschlechtert hat, obwohl sie ihr Korsett gerne getragen hätte. Insbesondere nachts hat sie es überhaupt nicht geschafft es zu tragen.
Ein auf Angststörungen spezialisierter Psychotherapeut sollte vielleicht zuerst mal schauen, wo der Grund der Angst liegt.
Verfasst: So, 20.06.2010 - 00:00
von knie
Danke für die Recherche

Das wäre auf der einen Seite positiv, da endlich eine Erklärung.. auf der anderen Seite wäre das natürlich schlimm. Er verweigert wegen dieser Angst seit Wochen die Schule, soll jetzt in eine psychatrische Klinik, was ich nicht grundsätzlich ablehne, da ich selber mit Ängsten zu tun habe und weiß wie eingeschränkt man ist, wenn man nichts dagegen macht. Ich hoffe nur, dass das die richtige Lösung ist, falls das Problem das Korsett ist.
Verfasst: So, 20.06.2010 - 00:16
von BZebra
knie hat geschrieben:Er verweigert wegen dieser Angst seit Wochen die Schule, soll jetzt in eine psychatrische Klinik, was ich nicht grundsätzlich ablehne, da ich selber mit Ängsten zu tun habe und weiß wie eingeschränkt man ist, wenn man nichts dagegen macht.
Ach, so schlimm ist es!?
Und er führt das auf die Anzahl, die Menge der Menschen zurück (Ist das z.B. bei anonymen Menschenmassen, wo ihn keiner kennt, auch so?), oder mehr darauf, dass da es viele Andere sind, die ihn wahrnehmen und sich eine Meinung über ihn bilden? Dann wäre es wohl eher eine
Soziale Phobie, die aber natürlich auch mit dem Korsett (der Angst deswegen kritisiert zu werden) zu tun haben könnte:
Kennzeichnend für die Soziale Phobie ist die Furcht, von anderen beobachtet und negativ bewertet zu werden
Ist aber im Grunde egal, denn in die Schule muss er ja, und da ist ein Klinikaufenthalt, was ja im Grunde nichts anderes ist als intensive Psychotherapie, sicher gut, damit es schnell geht.
Auch wenn er meint es sei nicht der Grund, hat er es schon probiert ohne Korsett zur Schule zu gehen und geht das dann?
Verfasst: So, 20.06.2010 - 01:36
von knie
Ich habe ihn gefragt, ob es ohne Korsett besser wäre, aber er verneinte das. Wir werden sehen wie sich das entwickelt, auf jeden Fall interessant, dass da ein Zusammenhang bestehen kann.
Verfasst: So, 20.06.2010 - 01:48
von BZebra
Hier ist noch ein Absatz, der die Funktionsweise von Phobien beschreibt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Angstst%C3 ... he_Modelle
Die Phobie aus psychoanalytischer Sicht
Nach psychoanalytischem Verständnis handelt es sich bei der Ausbildung einer Phobie in allererster Linie um eine aktive psychische Leistung und zwar im Besonderen um das Ergebnis einer intrapsychischen Abwehr: angsterregende Bewusstseinsinhalte werden verdrängt, wobei an die Stelle der ursprünglichen Inhalte (es kann sich um Vorstellungen oder Gefühle handeln) belanglose äußere Situationen gesetzt werden. Die Angst wird also an einen anderen "harmlosen" Ort verschoben, dem der "eigentliche (verbotene und deshalb angstbesetzte und verdrängte) Inhalt" nicht mehr angesehen und zugeordnet werden kann. Die Verschiebung ist selbst für den Betreffenden selber nicht mehr bewusst, auch er staunt, wo die Angst herkommt. Es ist zu beachten, dass die Phobie mehr als einfache Verdrängung ist. Diese würde zu einer akzeptablen Lösung nicht ausreichten. Durch die Verdrängung des spezifischen Vorstellungsinhaltes erfährt nämlich die vorher gebundene und gerichtete Furcht eine Regression zu einer ungebundenen entdifferenzierten diffusen Angst, die wegen des freien Flottierens äußerst schlecht zu ertragen ist. In einer zweiten Phase muss daher der Hauptabwehrmechanismus des phobischen Modus, nämlich die Verschiebung, zum Einsatz kommen, wodurch "künstlich" die Bindung an einen neuen Inhalt erreicht wird. Greenson formulierte dies einmal so: "Eine Form der Angst wird als Abwehr gegen eine andere Angst benutzt."
Der Vorteil des Verschiebungsmechanismus liegt darin, dass aus der ursprünglichen inneren Gefahr eine äußere konstruiert wird: eine äußere Gefahr hat den "Vorteil", dass sie leichter vermieden werden kann als eine innere.
Wie bei allen neurotischen Lösungsversuchen handelt es sich auch bei der Phobie um einen Kompromiss, der darin besteht, dass auf der einen Seite die verbotenen Wünsche und Strebungen unbewusst bleiben können und nicht wirksam werden, auf eine verzerrte Weise, nämlich als phobische Reaktion, aber dennoch partiell ausgelebt werden können.
Deinem Sohn gute Besserung!
Verfasst: So, 20.06.2010 - 02:37
von Dalia
Knie, eine große Bitte: Rede deinem Sohn nicht ein, dass das Korsett verantwortlich sein könnte, hör auf, ihn zu fragen, ob das Korsett ihm auch gut tut. Bitte achte drauf, dass du bei deinem Sohn nicht unbewusst

eine Phobie gegen das Korsett aufbaust, erst recht nicht eine Aversion. Ich habe noch nie von Angststörungen im Korsett gehört. Ich z.B. fühle mich darin pudelwohl und fühle mich ohne irgendwie nackt. Ich schlafe allerdings nur nachts darin.
Verfasst: So, 20.06.2010 - 11:16
von minimine
Hallo Kati,
erstmal herzlich Willkommen hier im
Ich persönlich könnte mir da schon einen Zusammenhang vorstellen. Du schreibst ja, dass dein Sohn sich der Verantwortung bewusst ist, dass er das Korsett tragen muss. Vielleicht hat sich da in ihm ein Konflikt aufgetan, einerseits das Korsett zu tragen, andererseits aber mit dem Korsett in die Öffentlichkeit zu gehen als Hemmschwelle. Damit haben ja viele anfangs Probleme, auch wenn sich die meisten Jugendlichen dann eher dafür entscheiden, das Korsett einfach nicht zur Schule zu tragen. Wissen denn seine Freunde und Klassenkameradem vom Korsett?
Wie dem auch sei, wir alle hier sind keine Psychologen und ich denke, wenn es schon soweit geht, dass er Schule etc. komplett meidet (aus welchem Grund auch immer), ihr auf jeden Fall einen Psychologen hinzuziehen solltet.
LG
Minimine
Verfasst: Mo, 21.06.2010 - 19:54
von Thomas
Hallo Kati,
es gibt doch eine einfache Methode, festzustellen, ob das Korsett als Auslöser für die Phobie dient: Laßt das Korsett doch einfach mal eine Woche aus. Das wird die Korsett-Therapie nicht zu sehr zurückwerfen, und Ihr könnt feststellen, ob das Korsett etwas damit zu tun hat.
Ich persönlich könnte mir schon vorstellen, dass das Korsett an der Sache beteiligt ist. Obwhl ich mit meinem Korsett eigentlich sehr gut klar komme, fühle ich mich damit in Menschenmengen auch unwohl. Der Gedanke, dass mich ein Fremder im Korsett berührt ist mir unangenehm, obwohl bei mir das Korsett (durch den Halsring) in der Regel auch so erkennbar ist. Geht mir zum Beispiel bei uns in der kantine so, wenn zur Mittagszeit alle gelcihzeitig anstürmen und man öfters anrempelt wird.
Also, wie gesagt, ich würde das Korsett mal eine Zeit lang ablegen und testen, was sich dann ergibt.
Gruß Thomas
Verfasst: Mo, 21.06.2010 - 20:31
von BZebra
Thomas hat geschrieben:es gibt doch eine einfache Methode, festzustellen, ob das Korsett als Auslöser für die Phobie dient: Laßt das Korsett doch einfach mal eine Woche aus. Das wird die Korsett-Therapie nicht zu sehr zurückwerfen, und Ihr könnt feststellen, ob das Korsett etwas damit zu tun hat.
Das wird so wahrscheinlich nicht funktionieren. Wenn das Korsett dafür der Auslöser ist, oder besser gesagt war, dann wird Auslassen des Korsetts jetzt nichts mehr an Ängsten ändern, die in der Vergangenheit waren und durch die die Phobie entstanden sein könnte.
Am meisten Angst hatte ich z.B. am Tag als ich mit Korsett das erste mal in die Schule musste. Aber das war nur einmal und lag danach natürlich in der Vergangenheit. Auslassen des Korsetts hätte das nicht mehr rückgängig gemacht.
[equote="Quelle:
http://de.wikipedia.org/wiki/Phobische_ ... g#Ursachen"]Zur Zeit sind nach wissenschaftlichem Stand die lerntheoretischen Erklärungsmodelle die einflussreichsten.
Diese Erklärungsmodelle gehen davon aus, dass die Angstreaktion von eigentlich nicht zwingend gefährlichen Situationen oder Objekten durch klassische Konditionierung erlernt wird. Das Grundprinzip dieses Lernvorganges besteht darin, dass eine Person einem Stimulus ausgesetzt ist, der auf gelernte oder angeborene Art und Weise eine Angstreaktion auslöst (z. B. ein lauter Knall oder ein Autounfall). Währenddessen ist aber die betroffene Person meist nicht nur einem Stimulus ausgesetzt, sondern einer Vielzahl von Reizen. So könnte man sich beispielsweise vorstellen, dass kurz vor dem Unfall ein Reh über die Straße gelaufen ist oder dass man sich während eines lauten Knalls im Wasser befunden hatte. Wenn die Angst in diesen Situationen groß genug gewesen ist, kann das Reh oder das Wasser (bzw. das Schwimmen im Wasser) als sogenannter konditionierter Reiz ebenfalls Angst (konditionierte Reaktion) auslösen.[/equote]
Nimmst du hier das Beispiel des Knalls im Wasser - es knallt nicht mehr!
Verfasst: Mi, 23.06.2010 - 10:25
von tippi
Obwohl ich mit meinem Korsett sehr gut zurecht komme/kam hab ich auch immer versucht Gedränge zu vermeiden, einfach damit niemand mich am Korsett anstößt, weil ich das nicht wollte. Jetzt nachdem ich es tagsüber nicht mehr anhabe meide ich Menschenmassen immer noch, bzw. fühle mich etwas unwohl wenn es Gedränge gibt. Ich denke das ist einfach ein verhalten, Gedränge zu vermeiden, dass man sich in vielen jahren antrainiert hat und das dauert auch, bis man realisiert, dass es ja jetzt kein Problem mehr ist.
Also ich denke dass die Angst von deinem Sohn durch das Korsett ausgelöst sein kann.