Hallo Tomma,
Es wird z. B. hintenrum gefragt, wie man denn zum Vorstellungsgespräch gekommen ist (zu Fuß, mit dem Fahrrad, ÖPNV oder Auto).
kann man hier wirklich etwas über eine Schwerbehinderung ablesen?
Ich denke, nein:
- etliche Schwerbehinderte können Radfahren und Autofahren (sicherlich auch die meisten hier im Forum)
- ÖPNV ist für manche Schwerbehinderte ein bevorzugtes Verkehrsmittel (wenn zu Fuß, per Rad oder per Auto mühsam werden, oder weil per Wertmarke vergünstigt), für andere scheidet es behinderungsbedingt aus (zu voll, unsicherer Stand, kein barrierefreier Einstieg)
- gleiches gilt fürs Auto, das manche wegen ihrer Behinderung bevorzugen, manche hingegen deshalb nicht nutzen wollen oder können
- eine gerade noch akzeptable Laufstrecke per Fahrzeug zurückgelegt zu haben, kann vielerlei Gründe haben, und eine schwerere Gehbehinderung fällt zumeist optisch auf
Eher noch fällt es auf, wenn in einer sehr ländlichen Umgebung eine volljährige Person eine Autostrecke mit dem dort viel umständlicheren ÖPNV zurücklegt oder gebracht wird.
Daraus auf eine Schwerbehinderung zu schließen, ist aber auch sehr gewagt (wahrscheinlicher doch: Führerschein weg, Führerschein nie geschafft, temporäre Verletzung...), insbesondere, wenn man keine Beeinträchtigungen sieht (mir ist aber auch bewusst, dass es quasi unsichtbare Behinderungen gibt, die Autofahren unmöglich machen).
Ein deutlicheres Indiz hingegen sind Einträge in Schulzeugnissen, die eine Sportbefreiung (oder auch, bei anderen Behinderungen, Befreiungen von Fächern wie Werken, Textilgestalten, Kunst) belegen.
Wenn nun ein künftiger Ausbildungsbetrieb mein Realschulzeugnis und das Zeugnis der 9. Klasse verlangte, war dem relativ klar, dass die ersichtliche Länge der Sportbefreiung kaum auf einen verknacksten Fuß o.ä. zurückzuführen sein kann, sondern hier irgendetwas Dauerhaftes vorliegen müsse...
In der Tat hatte ich hier einige Probleme, einen Ausbildungsplatz zu finden, obwohl meine Zeugnisse stets sehr gut waren (zwischen 1,0 und 1,3). Das ein oder andere Mal erhielt ich, nach Einsenden einer schriftlichen Bewerbung nebst geforderter Zeugnisse, eine sofortige Absage a la "... mangelnde Qualifikationen" - und dies für Büroberufe.
Dies war durchaus auffällig, da Mitschüler mit schlechteren Noten (aber Teilnahme am Sportunterricht) eine Runde weiter kamen und zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurden.
Nur gut jedenfalls, dass es weder in der Berufsschule noch an der Schule, an der ich Abitur nachgeholt habe, das Unterrichtsfach "Sport" gab; somit steht in meinen aktuellsten Zeugnissen nichts diesbezüglich

Hier wäre es, wenn die räumliche Nähe es zulässt, mitunter sinnvoll, eine Bewerbung persönlich vorbei zu bringen, um so gleich sympathischer in Erinnerung zu bleiben und auch, damit sich die Leute schon mal "ein Bild von einem" machen können derart, dass keine Behinderung sichtbar ist - ich vermute durchaus, dass sich einige der potenziellen Ausbildungsbetriebe unter einer Schülerin mit mehrjähriger Sportbefreiung ein kränkliches, humpelndes Mädchen, das Hilfsmittel braucht, vorgestellt haben...
(wobei, unter uns gesagt, bei einem Ausbildungsbetrieb, der mich wegen fehlender Sportnote nicht nimmt, hätte ich keine Lust, anzufangen... aber aussuchen kann sich's nicht jeder)
Auch mit einem Praktikum kann man vor einer Ausbildung punkten.
Viele Grüße,
Raven
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Hallo Ricky,
da stellt sich mir jedoch die Frage, wie man GDB 50 erreichen kann, ohne dass es zu irgendwelche Auswirkungen auf den Job - hier jetzt speziell wegen Rückenprobleme - kommt.
da muss es nicht unbedingt zu Auswirkungen kommen.
Beispiel: Bei mir liegt eine operative Wirbelsäulenversteifung aufgrund von Skoliose vor, langstreckig, Th3-L5. Hierfür erhielt ich einen GdB von 40, der - je nach Sachbearbeiter - auch bis zu GdB 60 hätte ausfallen können.
Während meiner Schulzeit, Berufsausbildung (Fachinformatikerin), Berufstätigkeit (Softwareentwicklerin) und Studium (Physik) hatte ich nach der OP und Genesung (OP mit 13) keinen einzigen (!) Fehltag oder andere Auswirkungen aufgrund des Rückens oder anderer orthopädischer oder neurologischer Probleme, auch nie aufgrund von Sportverletzungen gefehlt. Viele ansonsten "rückengesunde" Leute fehlten da öfter wegen ihrem Rücken, oder auch wegen Sportverletzungen. Dass ich z.B. wegen eines Inlineskate-Unfalls mir den Arm breche, beim Fußballspielen der Meniskus drauf geht o.ä., was nun bei Leuten meines Alters nicht selten vorkommt, fällt schon mal weg, weil ich solche Aktionen gar nicht machen würde (auch wegen dem Rücken). Und es gibt durchaus Firmen, die auch dahingehend "kalkulieren"
Der Übergang von Berufstätigkeit zu Studium erfolgte auch keinesfalls aus gesundheitlichen Gründen.
Übrigens: Es fiel etlichen nicht mal auf, dass ich überhaupt irgendein Handicap habe; wenn es mal auffiel, dann, wenn ein Betriebsausflug nicht möglich war (da ich in einer immer noch von Männern dominierten Branche arbeite, kommen hier durchaus arg sportliche Vorschläge für Ausflüge, die ich nunmal nicht mitmache) oder wenn jemand die Narbe sah und mich darauf ansprach.
Eine Ausnahme ist dies nicht!
Abhängig ist dies definitiv vom Beruf; einen Job mit höherem körperlichem Anspruch könnte ich wohl nicht so problemlos durchführen, was ich auch in entsprechenden Praktika bemerkte.
Übrigens kann man auch mit einem GdB von 100 problemlos in Vollzeit berufstätig und normal leistungsfähig sein - z.B. als Rollstuhlfahrer an einem Büroarbeitsplatz, der je nach konkreter Behinderung nicht einmal Umbauten nötig macht.
Viele Grüße,
Raven