Hallo Dorothy,
Dorothy hat geschrieben:ein Stück meiner Lebensfreude habe ich seit ich 11 war und in dieses Korsett gesteckt wurde, verloren [...] Wir haben uns alle 3 nicht getraut, Kinder zu bekommen, weil uns unsere eigene Kindheit noch so schlimm in Erinnerung ist (dabei wäre da schon so eine Sehnsucht dazu). Wir haben nie zuvor mit einem Menschen darüber gesprochen, weil selbst die Erinnerung körperliche Schmerzen, Übelkeit, Traurigkeit und Verzweiflung hochbringt. Der panze pure Horror kommt hoch.
Zunächst mal muss ich ganz klar sagen, dass - trotz dem ich selbst 5 Jahre lang ganztags ein Korsett getragen habe - ich in keiner Position bin, das was Du erlebt hast, nachzuempfinden; mitunter weil ich mein Korsett mit Deinem von damals sicherlich nicht vergleichen kann. Ich nehme mal an, es war ein Milwaukee-Korsett mit Halsteil und womöglich noch einen "Zahnspangen-Maulkorb" dazu. Ich hatte ein Rahmouni-Korsett
http://www.rahmouni.de. Wenn Du Dir diese Korsette anschaust, wirst Du vielleicht selber sagen, dass Du aus Deiner Position damals heraus glücklich und froh gewesen wärest, wenn Du deines gegen ein solches Korsett eintauschen hättest können.
Dorothy hat geschrieben:Sie schreiben von einem Behindertenausweis. Ja, man wird künstlich zum Behinderten gemacht mit allem was dazu gehört.

Der Behindertenausweis (bei Korsettträgern 50% und nur begrenzt auf die Jahre, in denen das Korsett getragen wird) ist ja nur für die Steuer der Eltern von Vorteil. Ansonsten gibt man doch nirgendwo an, daß man einen Behindertenausweiß hat. Nur eben dort, wo man das gerne möchte und man davon Vorteile hat.
Die Bilder unten zeigen, wie man auf dem alternativen und natürlichen Wege dann zum Behinderten wird. Fragt sich was besser ist. Die temporäre 50%ige künstliche Behinderung oder ein Behinderung fürs ganze Leben.
Dorothy hat geschrieben:Mein letzter Freund hätte auch in ein Korsett gesperrt werden sollen, er hat sich aber einfach geweigert. Ich bewundere ihn heute noch immer dafür, aber er war eben ein rebellisches Kind und ich leider ein angepasstes.
Weder das eine noch das andere ist ein sinnvoller Weg. Was ein "rebellisches Kind", weches sich gegen jede Behandlung wehrt, im schlimmsten Falle erwartet, siehst Du unten. Ein Kind oder Teenager der sich nichtfragend und nicht denkend gegenüber dem Willen anderer beugt, macht sich das Leben auch unnötig schwer.
Beide Fälle haben eines gemeinsam. Weder im einen noch im anderen hat der Betroffene verstanden, um was es geht. Wenn man den Sinn des ganzen versteht und diese Behandlung auch möchte und selbst dahinter steht, dann ist man dabei weder traurig noch wird man wegen einer solchen Sache in der Schule ausgegrenzt, weil man es seinen Schulkameraden erklären kann.
Ein großer Teil der Reaktionen anderer resultiert nur aus den Reaktionen des Betroffenen selbst. Und so wirst Du auch ehemalige Milwaukee-Korsett-Träger finden, die das hervorragend gemeistert haben und heute froh darüber sind, wie es gelaufen ist. Was immer "komisch Aussehendes" vielleicht noch an der Sache übrig bleibt, lacht man selbst darüber, gibt es nichts mehr, über das andere noch lachen könnten.
Dorothy hat geschrieben:Das Korsett hat mir keine Heilung gebracht, Rolfing und ähnliche Therapien haben meine Wirbelsäule fast gerade gemacht (und das als Erwachsene). Als Kind hat man noch viel tollere Heilmöglichkeiten. Es ist für mich extrem schockierend, wie viele Orthopäden solche Qualen einem Kind antun, wenn es bereits Alternativen gibt (von denen die meisten Orthopäden aber keine Ahnung haben). Möglichkeiten finden Sie durch Rolfing, Wirbelsäulenbegradigung (
www.i-ntp.de), Chranio-sakral Therapie und andere. Die genannten Methoden haben meine Wirbelsäule fast gerade gemacht, bei Kindern funktioniert es noch leichter und schneller.
Das ist ein Trugschluss. Definiere Heilung! Rolfing wird keine progrediente Skoliose aufhalten. Ein Patient mit progredienter Skoliose wird mit Rolfing und co. dort landen, wo die Patienten auf den angehängten Bilder gelandet sind, bzw. alternativ dann eben bei einer Operation.
Wenn Du Deine eigenen Korrekturergebnisse durch das Rolfing in Form von Röntgenbildern überprüfst, wirst Du feststellen, daß diese nämlich in Realität gar nicht da sind. Das Körpergefühl und das eigene Auge können sehr trügerisch sein, wenn man etwas will.
Keine der genannten Therapien hat auch nur irgendeine Aussicht darauf, eine Skoliose bedeutend zu korrigieren, geschweige denn zu heilen. Selbst effektivere Methoden wie Schroth oder Vojta können dies nur sehr selten bei ganz kleinen Skoliosen im Wachstum. Die einzige Therapiemethode mit begrenzter Zeit, die auch in Fällen leichter bis mittelstarker Skoliosen dauerhaft noch so stark korrigieren kann, daß diese vom Ausmaß her dann nicht mehr zu den Skoliosen zählen, ist die Korsett-Therapie. Operation kann die Wirbelsäule auch begradigen und das bei noch viel stärkeren Skoliosen, wo es dann auch das Mittel der Wahl ist, stellt aber eine andauernde Therapie dar, sprich das Implantat bleibt drin, es ist irreversibel.
Ich selbst war sehr froh, daß ich mit 58 Grad damals noch die Möglichkeit bekommen habe, mit einem Korsett um eine OP (Harrington) herum zu kommen. Ich habe mein Korsett deshalb auch gerne getragen und es gab auch nichts, auf was ich wegen meines Korsetts hätte verzichten müssen. Auch von besonders schlimmen Schmerzen, die über das Maß hinausgegangen wären, was man z.B. beim Training erreicht, kann ich nicht berichten. Bloß eng anliegenden Klamotten konnte ich nicht tragen, aber diesbezüglich kann man sich ja wohl schlecht selbst bemitleiden, wenn das nur wegen eines Korsettes der Fall ist, während anderere solche Kleidung allein schon wegen ihrer Figur nicht tragen können.
Dorothy hat geschrieben:Vielleicht hilft es Ihnen, sich dazu aufzuraffen, wenn Sie sich versuchsweise nur ein wenig das Korsett Ihres Kindes in irgendeiner Weise nahe an den Körper bringen oder sich sogar ein wenig hineinzwängen und sich die Qualen vorstellen.
Ich kann mir ja selbst als Ex-Korsett-Trägerin deine Qualen nicht vorstellen. Versteh mich nicht falsch, ich glaube Dir, dass es mit Deinem damaligen Korsett eine Qual für Dich war, sowohl körperlich bedingt als auch durch Deine Einstellung zum Korsett, aber mit den heutigen guten Korsetten hat das nichts zu tun.
Bis auf Fälle mit großen und rigiden Skoliosen, die schon in der OP-Indikation liegen und die eine Korsett-Therapie aber auch aus eigenem Willen machen, kann ich Probleme mit heutigen (guten!) Korsetten nur auf schlechte Aufklärung, vielleicht auch mangelnde Intelligenz, in wenigen Fällen möglicherweise ein Kleidungsproblem bedingt durch Geldmangel zurückführen.
Im Großen und Ganzen bleibt es aber eine bloße Einstellungs- und Erziehungssache und in vielen Fällen ist es einfach nur Hysterie, sich über irgendeine Korsettkante aufzuregen, die sich auf einem T-Shirt abzeichnet und keinem Menschen außer einem selbst auffällt oder in eine Depression zu verfallen, weil man nicht bauchfrei herumlaufen kann.
Pubertät hin oder her, sie ist keine Entschuldigung dafür sein Gehirn abzuschalten und in jeder anderen alltäglichen Situation würde man das als Elternteil von seinem Kind auch nicht akzeptieren.
